Jeder hat Recht, niemand entscheidet

Jeder hat Recht, niemand entscheidet

Jeder hat Recht. Und genau deshalb entscheidet niemand. In Modernisierungsprogrammen blockieren nicht Personen, sondern legitime Rollenkonflikte ohne vereinbarte Priorisierungsregel. Gute Governance klärt vorab, welche Rolle welchen Konflikt entscheiden darf und welche Rollen diese Entscheidung akzeptieren müssen. Mehr Meetings lösen das nicht. Klarere Entscheidungsrechte schon.

4. Mai 20262 min LesezeitCODE/WENDE

Jeder hat Recht. Und genau deshalb entscheidet niemand.

In meinem letzten Post habe ich einen einfachen IT-Architektur-Test beschrieben: Wie lange dauert es, eine Funktion produktiv zu bringen, und wer darf darüber entscheiden?

Eine Rückfrage darauf war: Woran liegt es, dass niemand entscheidet?

Meine Antwort: Selten an einzelnen Personen. Häufiger an Rollen, die alle berechtigte, aber unvereinbare Erwartungen an dieselbe Entscheidung haben.

  • Der Architekt denkt in Konsistenz und Langlebigkeit. Er fürchtet Fragmentierung.
  • Der Release Manager denkt in Stabilität und Produktionsrisiken. Er fürchtet ungeprüfte Änderungen.
  • Der Entwickler denkt in Momentum und Iteration. Er fürchtet Blocker.
  • Der Projektleiter denkt in Terminen und Scope. Er fürchtet Überraschungen.
  • Der Fachbereich denkt in Nutzen, Prozesswirkung und Akzeptanz. Er fürchtet Lösungen, die am Alltag vorbeigehen.
  • Der Sponsor denkt in Budget, Wirkung und Sichtbarkeit. Er fürchtet Eskalation nach oben.
  • Der Benutzer denkt in Arbeitsfähigkeit. Er fürchtet, dass Modernisierung seine Arbeit komplizierter macht.

Jede dieser Sichten ist legitim. Jede hat ihren Platz. Und jede einzelne führt, in Summe genommen, zu einer logischen Reaktion: Eskalation.

Weil niemand die Legitimation hat, seine Perspektive über die der anderen zu stellen, wird die Entscheidung nach oben geschoben. Oder ins nächste Gremium.

Das ist der Mechanismus, den ich in Modernisierungsprogrammen immer wieder sehe. Nicht Inkompetenz. Nicht Bequemlichkeit. Und nicht persönliche Angst vor Entscheidungen. Sondern ein legitimer Rollenkonflikt ohne vereinbarte Priorisierungsregel.

Hier liegt der Hebel.

Gute Governance in der IT-Modernisierung bedeutet nicht, alle Rollen zufriedenzustellen. Sie bedeutet, vorab zu vereinbaren, welche Rolle welchen Konflikt entscheiden darf. Und welche Rollen diese Entscheidung dann akzeptieren müssen.

Dafür gibt es etablierte Werkzeuge. Die Namen sind zweitrangig: RAPID, DACI, RACI oder ein eigenes Entscheidungsmodell. Entscheidend ist nicht das Framework. Welche Methodik gewählt wird, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass überhaupt eine vereinbart ist, bevor der Konflikt auf dem Tisch liegt.

Wer das nicht klärt, hat ein Entscheidungsrechte-Problem.

Mehr Meetings lösen das nicht.

Klarere Entscheidungsrechte schon.

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